INFO

1970
Gardi
Deppe

BIOGRAFIE

Statt einer Vita ein paar Zeilen über Gardi Deppe
von René Perraudin


Bevor diese Website entstand, recherchierte ich zunächst die Kontaktadressen der ca. 1.000 Absolventen, die aus der dffb während ihres 50-jährigen Bestehens hervorgegangen sind. Gardi Deppe war eine der wenigen, bei der ich im Dunkeln tappte. Nach der Trennung von ihrem Mann Rolf Deppe (Jg. 1968) verließ sie Berlin, keiner weiß wohin. Viele haben irgendwann etwas Vages gehört, die Gerüchte lauten: sie lebt mit ihrem neuen Partner irgendwo auf einen Hausboot, oder: auf einer einsamen Insel, oder: sie bereist auf ihrem Frachtschiff die Welt, von einem Zirkus, ja sogar von einer Krokodilfarm wurde gemunkelt – Schiff, Insel, Krokodil, egal, jedenfalls irgendwie exotisch und weit weg.
Gardi, falls Du dies liest, melde Dich doch!

Gardi und ich waren im gleichen Jahrgang, 1970. Wir waren befreundet und arbeiteten bei einigen Filmen zusammen, was sich vor allem über ihren Mann Rolf ergab, den Kameramann, dessen Assistent ich eine Zeitlang war. Sie hatte sich, was die Teamarbeit anbelangt, als Tonfrau profiliert, und so entstand eine Konstellation, die uns drei bei einigen Projekten zusammenbrachte. So auch 1973 bei der SFB-Produktion "Nachkriegskinder im Krieg" von Wolfgang Tumler, ebenfalls unser Jahrgang.

Wolfgang hatte dem Sender einen Dokumentarfilm über das Kriegsgeschehen in Nordirland vorgeschlagen, wobei ihn vor allem die Kinder und Jugendlichen interessierten, die in die Kampfhandlungen involviert waren – gleichermaßen an beiden Fronten: bei der katholisch-republikanischen IRA und bei den protestantischen Unionisten. Damals hatten die Fernsehsender noch ihre eigenen Teams, aber alle Kamera- und Tonleute des SFBs weigerten sich, in dieses Krisengebiet zu fahren. Das war unsere Chance. Wolfgang schlug uns als freies Team vor, was notgedrungen auch genehmigt wurde. Also flogen wir vier, Wolfgand, Rolf, Gardi und ich, mutig unserem Schicksal entgegen.

Für die Dreharbeiten in Belfast hatten wir das Europa Hotel in der Great Victoria Street gebucht, ein großes internationales Hotel, in dem die meisten ausländischen Journalisten abstiegen, weil es streng bewacht war und als relativ sicher galt. Wir checkten ein und wollten uns danach zum Abendessen treffen. Doch kaum waren die beiden Deppes in ihrem Zimmer, überkam Gardi eine unbändige Angst. Sie war sich ganz sicher, dass dieses Hotel Unheil bringen würde und bestand vehement darauf, umgehend wieder auszuziehen. Wir versuchten, sie zu beruhigen, appellierten an ihre Vernunft, aber es war nichts zu machen, lieber hätte sie im Bahnhof übernachtet.

Wolfgangs Organisationstalent verhalf uns noch am selben Abend zu einer Alternative, eine abseits gelegene Pension, logistisch ziemlich unpraktisch, weniger komfortabel, aber immerhin, der Dreh war erstmal gerettet.
Zwei Tage später war auf den Titelseiten der Tageszeitungen zu lesen, dass im Europa eine Bombe explodiert war, genau in dem Gebäudebereich mit unseren Zimmern. Es gab zwei Tote und zahlreiche Verletzte.

Danke, Gardi. Eigentlich habe ich mit Übersinnlichem nicht viel am Hut. Aber würdest Du mir prophezeien, dass ich übermorgen von einem Auto überfahren werde, wäre ich doch sehr vorsichtig.

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