INFO

1966
Holger
Meins †

BIOGRAFIE

Statt einer Vita    (von Gerd Conradt)

SCHUSS – GEGENSCHUSS

Donnerstag, 1. Juni 1972, 6 Uhr früh, Günter Zimmermann, Redakteur der Tagesschau in Frankfurt, klingelt den Kameramann Klaus Baum aus dem Bett: „Mach dich auf den Weg, in Eschersheim in der Nähe vom Funkhaus ist was los.“ Baum filmt und hat nur eine Sorge: „Hoffentlich wird es was – das ist ja eine Sache, die man nicht wiederholen kann.“

Als Nachricht des Tages sehen die bundesdeutschen Fernsehzuschauer am Abend, was Baum gefilmt hat. Panzerwagen, Polizei in Zivil und Uniform mit Maschinengewehren im Anschlag, Lautsprecherdurchsagen: „Kommen Sie heraus, ihre Chance ist gleich Null, es ist nur eine Frage der Zeit!“ Als Erster tritt ein hagerer großer Mann vor die Tür. Wie verlangt entledigt er sich seiner Kleider bis auf einen Slip, Strümpfe und Schuhe. Im Polizeigriff wird der fast nackte Mann abgeführt. Er schreit, Schock und Schmerz zeichnen sein Gesicht. Mit seinen weit vom Körper gestreckten Armen, den schleifenden langen Beinen hängt er mehr, als dass er geht, im Sicherheitsgriff seiner Häscher. Vorgeführt, abgeführt – gleicht er einer Christusikone.

Kameramann Klaus Baum konnte nicht ahnen, dass der Mann, den er da in der Unterhose filmte, noch vor zwei Jahre als Kollege in der Kantine des Hessischen Rundfunks gegessen hatte.

Als Kameramann war Holger Meins während seines Studiums an der dffb ein gefragter Mann. Vor der dffb hatte er in Hamburg Kunst studiert und bald viele Techniken erprobt: Ölmalerei, Aquarell, Kupferstich, Linol- und Holzschnitt, Fotografie und auch schon bewegtes Bild. Anschließend ging er für ein Jahr zu Arri nach München ins Kopierwerk. An der dffb wollte er sein Wissen anwenden und mit Film experimentieren. Wenn er über Bilder und Szenen sprach, entwickelte er Visionen, dazu passend auch die handwerkliche Umsetzung. Für Skip Normans Film „Rifi“ baute er mit Kameraschienen einen Kreis, auf dem er die Kamera um ein Liebespaar fahren ließ. Mal stand das Paar im Kreis, mal der Mann, mal die Frau. Mit der Kamera schaffte er ein Bild, das in ständiger fließender Bewegung war.

Es wird gesagt, dass der damalige Kameradozent Michael Ballhaus sich von diesem Film zu „seinem“ berühmten 360-Grad-Schwenk anregen ließ, der erstmals in „Martha“ von Fassbinder zu sehen war.

Für seinen Erstjahresfilm „Oskar Langenfeld“ drehte Holger Meins viel Material. 120 Minuten reduzierte er in nächtelangen Sitzungen am Schneidetisch auf 12. In nummerierten Kapiteln erzählt er Szenen aus dem Leben von Oskar, in denen das Individuelle zur These wird.

Als Gebrauchsanleitung verfilmte er „Die Herstellung eines Molotow-Cocktails“, stumm, 4 Minuten – so wie es im Schweizer Handbuch zur Selbstverteidigung stand. Am Ende des Films zeigt er das Haus des Springerkonzerns - wie eine Zielscheibe. Das Original ist verschwunden, es existiert ein Remake, von dffb-Studenten auf 35 mm gedreht, mit einem Bild der Sportartikelfirma Nike am Ende.

Holger Meins minimalistische Bildauffassung wird auch im Film „Die Worte des Vorsitzenden“ (von Harun Farocki) sichtbar. Fast surrealistisch wird die Geschichte vom Papierflieger erzählt, der wie David dem Goliath und seiner Frau in die Suppe spuckt.

Holger Meins war ein Tatmensch. Er diskutierte gerne, lange, mit Geduld. Irgendwann gab es immer den Punkt, an dem er sagte: „Was tun wir jetzt? Was resultiert aus dem Gespräch?“ Im Sinne von Karl Marx wollte er die Welt nicht nur interpretieren, sondern auch verändern. Als Augenmensch schaute er Personen und Gegenstände gründlich und genau an. Manuelle Prozesse versuchte er durch Anschauung zu verstehen.

Ob der Kameramann Holger Meins den Kameramann Klaus Baum bemerkt hat, als dieser ihn bei seiner Erfassung und Verhaftung filmte? Der 1. Juni 1972 war ein Feiertag, Fronleichnam, Corpus Christi, Hochfest des Leibes und Blutes Christi.

Schuss und Gegenschuss gehören zu den Grundregeln der Filmdramaturgie.

NOCH MEHR...

(Kurzbiografie, entnommen aus der Website
www.starbuck-holger-meins.de)

Holger Klaus Meins
Grösse 186 cm
Augen blau-grau,
Kopfweite 56
Kragenweite 37
Schuhgrösse 42

1941:
26. Oktober, neun Uhr: Geburt, Hamburg-Eimsbüttel.
Vater: Wilhelm Julius Meins, geboren 1907, gestorben 1986, Kaufmann und Feinmechaniker, Mutter: Paula Elsa Meins geb. Will, geboren 1909, gestorben 1966, zwei Geschwister (Bruder und Schwester).

1948 bis 1958:
1. April 1948 bis 31. März 1954: Volksschule, danach bis 31. März 1958: Realschule.
August 1957: Teilnahme am Jubilee Jamboree: INDABA MOOT, Sutton Coldfield Park, England, internationales Pfadfindertreffen.

1961:
15. Juni: Musterung zur Bundeswehr, Tauglichkeitsgrad 3, Kreiswehrersatzamt Hamburg-Altona. 26. Oktober: Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer.

1962 bis 1966:
17. Januar 1962: Abitur am Gymnasium für Jungen St. Georg, Hamburg.
Ab April 1962: Studium an der Hochschule für bildende Künste, Hamburg-Lerchenfeld. 15. April 1962 bis 14. April 1963: Zeichnen bei Prof. Garve, 15. April 1963 bis 14. April 1964: Malerei bei Prof. Thiemann, 15. April bis 14. Oktober 1964: Fotografie bei Prof. Troeger, 15. April 1965 bis Sommer 1966: Film bei Prof. Ramsbott.
15. Februar bis 15. April 1964: Bühnenbildassistent am "Theater im Zimmer", Hamburg. 15. Juni bis 30. August 1964: Volontariat im Kopierwerk RIVA Film- und Fernsehstudios, Unterföringen bei München. 1. September 1964 bis 28. Februar 1966: parallel zum Studium in Hamburg Kameraassistenz bei ARPA-FILM Bruno Zöckler, München.
17. September 1966: Studienanfang an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb).
Dezember: Teilnahme an der SDS Anti-Vietnam-Demonstration in Berlin.

1967:
2. Juni: Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien.
Sommer: Filmwochenende in Frankfurt, Veranstalter Lui Tratter.
Herbst: Arbeit im Ermittlungsausschuss über die Polizeiaktionen am 2. Juni in Berlin.
Ende Dezember: Teilnahme am Experimentalfilmfestival in Knokke, Belgien.

1968:
1. Februar: Springertribunal, Film "Herstellung eines Molotow-Cocktails".
Mai: Besetzung der dffb als Protestaktion gegen die Verabschiedung der Notstands-gesetze, Hausverbot am 30. Mai, Rücknahme am 10. Juni.
Juni: Reise nach Italien, Filmfestival in Pesaro, Venedig und Turin.
5. September: Aktion gegen die Vorführung des Films "Die grünen Teufel", Frankfurt. 12. bis 19. September: SDS-Delegiertenkonferenz in Frankfurt.
4. November: Demonstration am Tegeler Weg, Berlin.
27. November: Ausschluss vom Studium an der dffb (mit siebzehn weiteren Studenten) wegen der Besetzung des Rektorates (Hausfriedensbruch und Nötigung).

1969:
Februar: Aktiver Streik, Universität Frankfurt am Main. Frühjahr: Schülerfilmprojekt mit Günter Peter Straschek in Frankfurt (Zielgruppenfilm).
September: Einzug in die Kommune 1, Berlin. Oktober: Folkfestival in Essen.
Herbst: Dreharbeiten in den Farbwerken Hoechst in Frankfurt mit Thomas Mitscherlich, Enzio Edschmid, Hans Beringer.
11. November: Aufhebung der Ausschlussentscheidung durch das Landgericht Berlin, Forderung der Wiederzulassung der Studenten zum Studium an der dffb.

1970:
Mitarbeit an der Zeitschrift È883Ç, 1. Mai: Plakat "Freiheit für alle Gefangenen".
14. August: Verhaftung wegen angeblichen Sprengstoffanschlags auf einen Polizeifunkwagen, U-Haftanstalt Berlin Moabit, 14. September: Haftentlassung. Ende September: Plakat "Reisst die Mauern ein".
Ab Oktober: Mitglied der RAF, Deckname "Rolf", gefälschter Ausweis: Günter Jahn, geb. 5. Mai 1946 in Hagen/Westfalen, wohnhaft Bremen, Pappelstr. 98 (Kameramann).

1972 bis 1974:
1. Juni 1972: Verhaftung in Frankfurt am Main. 1. bis 26. Juni: U-Haft JVA Bochum, 27. Juni 1972 bis 22. März 1973: U-Haft JVA Koblenz, 23. März 1973 bis 9. November 1974: U-Haft JVA Wittlich.
17. Januar bis 20. Februar 1973: 1. Hungerstreik. 8. Mai bis 29. Juni 1973: 2. Hungerstreik, künstliche Ernährung ab dem 23. Mai. Ab 13. September 1974: 3. Hungerstreik, ab dem 30. September künstliche Ernährung, 1. November 1974: letzter Brief an Manfred Grashof.
9. November 1974, 17.05 Uhr, JVA Wittlich: Tod, amtliche Ursache: Herzstillstand, Tod durch Verhungern - hochgradige Auszehrung.
18. November 1974: Beerdigung auf dem Friedhof Hamburg-Stellingen, Trauerrede Pastor Bahnsen, Rudi Dutschke: "Holger, der Kampf geht weiter".

FOTOS

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