Berthold Podlasly

Berthold Podlasly
1970
Berthold
Podlasly
Berthold Podlasly.

Von Berthold habe ich kein Foto. Er war sehr schüchtern und sehr fotoscheu. Er wohnte im Studentendorf Siegmundshof. Oft warteten wir vergeblich auf ihn. Haben ihn dann aber immer dort aufgesucht und ihn dazu bewegt, wieder weiter mitzumachen. Dahinter stand ein gewisser ökonomischer Zwang. Jeder Student hatte eine bestimmte Summe für diesen Grundkursfilm zur Verfügung. Den konnte er allein oder mit anderen zusammen verbrauchen. Das ist wie mit Greta Garbo und den vier Eiern in dem Lubitsch Film »Ninotschka«. Einer allein hat nur ein Ei. Aber tun sich vier zusammen, dann wird daraus ein »Omelette«. Gemeinsam liebten wir die Kursbücher, nicht die von der Bundesbahn, sondern die, die von Hans Magnus Enzensberger herausgegeben wurden.

Besonders oft benutzt die Kursbücher 20 und 21. Noch heute in meinem Besitz. Nr. 20 war im März 1970 erschienen. »Über ästhetische Fragen«. Unterstrichen habe ich den Satz auf Seite 151: »Der Verwertungsstandpunkt des Kapitals steht gegen die sinnlich-triebhafte Wirklichkeit des Menschen«. Im Kursbuch 21, im September 1970 erschienen, ist nichts unterstrichen. Vermutlich hatte ich mir diese schlechte Angewohnheit abgewöhnt. Besonders »verschlungen« in diesem Kursbuch 21 haben wir einen wieder entdeckten Text von Alfred Sohn-Rethel, den er in den »Deutschen Führerbriefen« vom 16. und 20. September 1932 unter dem relativ langweiligen Titel »Die soziale Rekonsolidierung des Kapitalismus« veröffentlicht hatte. Der zum Wiederabdruck gelangte Artikel »hat zur Zeit seines Erscheinens eine eigenartige Sensation ausgelöst«. Das war auch 38 Jahre später, 1970, bei uns so.

Der erste Abschnitt trägt die Überschrift »Von der Sozialdemokratie zum Nationalsozialismus«. Auch Harun Farocki hat in einigen seiner Filme auf diesen Artikel von Alfred Sohn-Rethel hingewiesen. Ein Intellektueller sieht voraus, wie sich das alles entwickeln wird und behält (leider) recht.

Bei mir ist die Freude an den Texten von Hans Magnus Enzensberger übrig geblieben. »99 Überlebenskünstler« ist so ein Buch. Enzensberger schreibt über 99 Schriftsteller »im Jahrhundert der Gewalt«, und wie sie dieser Gewalt zu entkommen suchen. Dieses Buch hätte Berthold sicher gefallen. Über Joseph Roth schreibt Enzensberger: »Joseph Roth sagte, wenige Tage vor seinem Tod, er sei dem Selbstmord nahe. Aber das wäre eine Sünde gewesen; deshalb zog er es vor, sich totzusaufen«. Auch Berthold hat sich auf diese Weise umgebracht. Manchmal denke ich an diesen leicht zerbrechlichen, schüchternen Menschen, bin traurig, und weiß doch nicht, wie ich das hätte verhindern können.

Jens Meyer

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