Manfred Stelzer †

Manfred Stelzer †
1971
Manfred
Stelzer †
2019 Die Bank (Regie, Drehbuch)
2013 Ein Schnitzel für alle (Regie)
2011/2012 Der Heiratsschwindler und seine Frau (Regie, Drehbuch)
2011/2012 Hinkebein (Regie)
2010 Spargelzeit (Regie)
2009/2010 Die Auflehnung (Regie)
2008/2009 Ein Schnitzel Für Drei (Regie, Drehbuch)
2007/2008 Schokolade für den Chef (Regie)
2007/2008 Meine fremde Tochter (Regie, Drehbuch)
2007/2008 Krumme Hunde (Regie)
2006/2007 Die Sterneköchin (Regie)
2006/2007 Ruhe Sanft! (Regie)
2006 Brennendes Herz (Regie, Drehbuch)
2005/2006 Pommery und Leichenschmaus (Regie, Drehbuch)
2005 Der doppelte Lott (Regie)
2004/2005 Pommery & Hochzeitstorte (Regie, Drehbuch)
2004/2005 Sünde (Regie)
2003/2004 Irren ist sexy (Regie)
2003/2004 Tod einer Hostess (Regie)
2003/2004 Hundeleben (Regie, Adaption)
2002/2003 Bermuda (Regie, Adaption)
2002-2005 Wer ist Helene Schwarz? (Mitwirkung)
2002 Pommery & Putenbrust (Regie, Drehbuch)
2002 Ausgelöscht (Regie)
2002 Silikon Walli (Regie)
2001/2002 Bis dass dein Tod uns scheidet (Regie)
2001-2003 Ein Engel und Paul (Regie)
2001 Vor meiner Zeit (Regie)
2000/2001 Gnadenlose Bräute (Regie, Drehbuch)
1999/2000 Bis zum letzten Mann (Regie)
1999/2000 Die Mördertauben von Eving (Regie)
1999/2000 Das Blutbad (Regie)
1999/2000 Trennungsfieber (Regie)
1999/2000 Werben und sterben (Regie)
1999/2000 Nur einer kommt durch (Regie)
1999 Das Paradies ist eine Falle (Regie, Drehbuch)
1997/1998 Katz und Kater (Regie, Drehbuch)
1997/1998 Live in den Tod (Regie, Drehbuch)
1997/1998 Urlaub in den Tod (Regie)
1997 Ende einer Therapie (Regie)
1996/1997 Der falsche Hase (Regie)
1996/1997 Ein Mann für gewisse Stunden (Regie)
1996/1997 Deine Augen im Gefrierfach (Regie)
1996 Über den Tod hinaus (Regie, Drehbuch)
1996 Der Fremde (Regie)
1996 Rotlicht für Sawatzki (Regie)
1995/1996 Brubeck (Regie)
1995/1996 Gefährliche Küsse (Regie, Drehbuch)
1994/1995 Die Unschuld vom Lande (Regie)
1994/1995 Die Angst des Torwarts (Regie)
1994/1995 Steakhouse-Tango Regie
1994/1995 Killerehre (Regie)
1994/1995 Keine müde Mark (Regie)
1994/1995 En Cop aus Moskau (Regie)
1994/1995 Taxi zur Bank (Regie, Drehbuch)
1994/1995 Über Bande (Regie, Drehbuch)
1993/1994 Kiwi und Ratte (Regie)
1993/1994 Bullerjahn (Regie, Drehbuch)
1992/1993 Grüss Gott, Genosse (Regie, Drehbuch-Mitarbeit)
1991/1992 Frühlingsgefühle (Regie)
1991/1992 Bennos Patzer (Regie)
1991/1992 Die Machtprobe (Regie)
1991/1992 Der Wahlkampf (Regie)
1991/1992 Der Verdacht (Regie)
1991 Die lila Weihnachtsgeschichte (Regie)
1990/1991 Super-Stau (Regie, Drehbuch-Mitarbeit)
1988 Himmelsheim (Regie)
1986/1987 Die Chinesen kommen (Regie, Drehbuch)
1986 Zeit der Stille (Darsteller, Casting)
1985 Geschichten aus zwölf und einem Jahr (Regie, Drehbuch)
1983/1984 Thron & Taxis (Mitwirkung, Regie, Drehbuch, Interviews)
1983 Alptraum (Schnitt)
1982/1983 Schwarzfahrer (Regie, Drehbuch)
1981 Die Perle der Karibik (Regie, Drehbuch, Schnitt)
1978/1979 Monarch0 (Regie, Drehbuch, Interviews, Kamera, Ton)
1977 Weiter weg (Regie, Drehbuch, Kamera, Ton)
1976/1977 Eintracht Borbeck - Alltag einer Fußballmannschaft (Regie, Drehbuch, Kamera, Ton)
1975/1976 Wir haben nie gespürt, was Freiheit ist (Regie, Drehbuch, Kamera, Ton)
1975 Kalldorf gegen Mannesmann (Regie, Drehbuch, Kamera, Ton)
1972 Hochschulstreik 72 (Regie)
1971-1974 Allein machen sie dich ein (Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt, Ton, Produzent)
2006: Schleswig-Holstein Filmpreis Bester Spiel-/TV-Film für "Brennendes Herz"
1983: Max Ophüls Preis Nominierung für "Schwarzfahrer"
1980: Bundesfilmpreis für "Monarch" (gemeinsam mit Johannes Flütsch)
Anfang 1986 führte Gerd Conradt (dffb-Jahrgang 1966) ein Interview mit Manfred Stelzer über seinen gerade fertiggestellten Film "Geschichten aus zwölf und einem Jahr".

*** Vorab: ***

Der seit vier Tagen tote Lazarus wurde von Jesus zum Leben erweckt in einem Dorf, nach dem häufig kirchliche Krankenhäuser benannt sind: Bethanien. Das Berliner Bethanien-Krankenhaus hatte die evangelische Kirche aus Rentabilitätsgründen Ende der sechziger Jahre an den Berliner Senat verkauft. Wenige Jahre zuvor frisch renoviert und technisch erneuert, stand es jahrelang leer, gut geheizt, umgeben von Nutzungs- und Abrissspekulanten.

Am 8. Dezember 1971 besetzten 600 Jugendliche das nach Lazarus' Schwestern benannte "Martha-Maria-Schwesternhaus", ein Teilgebäude des Krankenhauses. Zum Gedenken an den vier Tage zuvor von ziviler Polizei erschossen Georg von Rauch, einen jungen, schönen, lebenslustigen Mann mit anarchistischen Ansichten, gaben sie dem Gebäude den Namen des Getöteten. "Kämpfen, Lernen, Leben" hieß die Parole, unter der sich 70 Jugendliche erstmals selbstverwaltet in dem Haus wohnlich einrichteten.

Zur gleichen Zeit kämpften in dem Ort Bethanien Palästinenser um ihre Anerkennung als Nation.

1971 bis 74 drehten Suzanne Beyeler, Rainer März und Manfred Stelzer den Dokumentarfilm "Allein machen Sie dich ein". Der Titel war dem gleichnamigen Lied der Rockgruppe Ton, Steine, Scherben entliehen. Dazu die Macher: "Der Film ist für alle Jugendlichen, die arbeiten und begonnen haben, sich in der Freizeit irgendwie zu organisieren … die ein Unbehagen spüren, was dagegen tun wollen, aber nicht so recht wissen wie. Ihnen wollen wir die Erfahrungen des Georg-von-Rauch-Hauses vermitteln."

Jahre später drehte Manfred Stelzer einen semi-dokumentarischen Film mit Spielhandlung, sein Titel: "Geschichten aus zwölf und einem Jahr". Akteure und Darsteller waren Menschen, die damals im Rauch-Haus lebten.

*** *** ***

Gerd Conradt:
Manfred, welche Bedeutung hatte für dich das "Georg-von-Rauch-Haus"?

Manfred Stelzer:
Das Rauchhaus war etwas anders als die Studentenbewegung. Die Besetzer waren keine Leute, die etwas in Büchern gelesen hatten und dann sagten, jetzt müssen wir die anderen aufklären. Es waren Leute, die nicht mehr in der Fabrik wie Sklaven arbeiten, sich von Zwängen befreien wollten. Mit den Besetzern fühle ich mich verwandt. Ich wollte auch nicht mehr in der Fabrik arbeiten. Ich wollte wissen, was ich kann.

G.C.:
Wie kam es zu dem Film "Allein machen Sie dich ein"?

M. S.:
Als ich an der Filmakademie angenommen worden war, hatte ich plötzlich die Geräte, um einen Film zu machen. Wir sagten uns: Nehmen wir die Geräte und machen unsere Sache im Rauchhaus. Es war keine Akademie-Produktion. Das Filmmaterial haben wir über Spenden bekommen. Der Film war auch nicht das Rauchhaus. Der Film, das waren WIR. Wir waren auch ein Kollektiv.

G. C:
Warum hast du jetzt alleine nach 13 Jahren einen Film über Menschen gedreht, die im RH gelebt haben?

M. S.:
Ich hatte einen Dokumentarfilm über Schönheitsköniginnen gemacht, wo kaum Persönlichkeiten zu finden waren. Das machte mich traurig, und ich dachte, wenn es das ist, womit ich mein Brot verdienen soll, da möchte ich lieber einen Film über Menschen machen, die ich mag. Das sind die vom Rauchhaus. Jeder hatte Träume, und ich wollte nachsehen, ob es einige geschafft haben.

G. C:
Hast du ein Drehbuch geschrieben oder sind die einzelnen Geschichten und Szenen improvisiert?

M. S.:
Wir haben Ideen durchgespielt, uns darüber unterhalten, was ihnen wichtig ist. Wenn jemand sucht, dann spielt er gut.

G. C:
Der Film hat eine konventionelle Dramaturgie. Du erzählst einzelne Geschichten hintereinander. Du verzichtest auf technische Tricks und "Action".

M. S.:
Dramaturgie kannst du nicht machen. Die ist schon da. Die Frage ist nur, WIE sie da ist.
Ich dachte mir, wenn Karl Marx ins Rauchhaus kommt, dann wird man sich wundern. Ich frage: Was hat denn Karl Marx mit dem Rauchhaus zu tun? Karl Marx war jemand, der was in Bewegung brachte. Auch im Rauchhaus war er Gesprächsstoff.
Wenn du dir 13 Jahre Zeit anschaust, siehst du eine Frau – so fängt der Film an – die zieht aus zu einem anderen Mann. Du weißt, der ist nicht besser als du, denkst du, aber sie geht. Es kommt einer, der immer spazieren geht, weil er keine Arbeit hat. Er sagt: Ich lass mich nicht unterdrücken, das ist meine Fähigkeit. Der Nächste sitzt im Kino und redet über seine Liebe. Es sind alles Gefühle, die auch du hast. Jeder hat die für sich. Das ist es, was 13 Jahre sind. Das ist nicht eine, das sind ganz viele Geschichten.
Zum Schluss des Films spielt Rio Reiser von den Ton Steine Scherben einem amerikanischen Produzenten Lieder vor, die dieser gar nicht versteht: "I´dont want to be like my father is" , "Ich will nicht werden, wie mein Alter ist". Da wird es dann komisch, Komik liebe ich.
Wie die Leute mit Geschichte umgehen, hat mit ihrem Zusammenleben damals im Kollektiv zu tun. Sie mussten sich auseinandersetzen mit ganz vielen Köpfen, Gedanken, Eigenheiten von anderen. Sie merkten: Ich bin nicht allein, ich muss auf den anderen eingehen. Selbstorganisation, das war damals so ein Wort oder ein Gedanke, in dem wir für uns die Zukunft sahen. Daraus wurde aber was ganz Einzelnes – trotzdem hat sich jeder etwas davon mitgenommen.
Bürgerliche sagen, wenn sie den Film gesehen haben: Es hat ja nichts genützt, die sind alle gescheitert. Für mich sind sie nicht gescheitert. Für mich haben sie ihre Identität gefunden. Ich beziehe mich damit ein. Ich habe immer Angst gehabt, einen Film allein zu machen, lieber im Kollektiv, mit anderen, dokumentarisch. Zu inszenieren, hatte ich mich bisher nicht getraut.

G. C:
Warum ist der Film in schwarzweiß und nicht in Farbe?

M. S.:
Meine Erinnerung an die Leute ist schwarzweiß.

G. C:
Du beginnst mit dokumentarischen Aufnahmen aus dem ersten Film. Warum hast du darauf verzichtet, noch mehr Ausschnitte aus diesem Film zu zeigen? Der Zuschauer hätte so die Möglichkeit gehabt, selbst zu sehen, was aus dem Einzelnen geworden ist.

M. S.:
Wir sagten damals: Der Einzelne ist stark in der Gruppe. Deswegen haben wir Gruppenbilder gemacht. In dem ganzen Film sind fast nie Einzelne zu sehen. Ich konnte die ersten Aufnahmen nicht verwenden. Du erkennst niemanden. Heute sehe ich es anders. Mehrere Einzelne bilden eine Gruppe.

G. C:
Ist es ein Familienfilm?

M. S.:
Ein Film über meine Freunde. Es ist ein Unterhaltungsfilm für Menschen, die zwischen 1968 und 1972 was versucht haben. Es ist Unterhaltung für einen kleinen Kreis, nicht für die Masse.

G. C:
Ich habe den Eindruck, der Film ist sehr männlich. Haben im Rauchhaus wenig Frauen gelebt? Warum gibt es nur eine Geschichte über eine Frau?

M. S.:
Vielleicht interessieren mich Frauen nicht zu sehr in diesem Fall.
Die Männer kannte ich besser.

G. C:
Eine Frau führt durch den Film, eine Tochter von Karl Marx. Ihre Rolle ist wenig ausgeprägt. Sie hat wenig Eigenes. Sie verbindet, schaut zu, geht, gibt Stichworte.

M. S.:
Ihr Vater hat etwas in der Welt angerichtet. Sie fährt völlig naiv zum Rauchhaus und guckt sich das an. Die Stärke von Frauen ist, sich Sachen anzusehen, ohne vorher schon wissen zu wollen, was sie zu erwarten haben. Sie lassen sich darauf ein zu sehen, was ist.

G. C:
Willst du noch etwas sagen?

M. S.:
Der Anlass für den Film war, dass Leute Spaß bekommen, so etwas wie eine Bewegung mitzumachen. Eine Sache, die sie nicht kennen. Was ich mache, das mag ich nicht mehr, da such ich mir was anderes mit anderen zusammen, die in der gleichen Situation sind. Mehr war es nicht. Daraus entwickelt sich viel – aber es kann auch tödlich enden.

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